Liebesgrüße aus Rumänien 2
Ich bin in Sibiu/Hermannstadt, Rumänien. Ich konnte mich leider erst jetzt melden, da die Internet Infrastruktur hier nicht so gut ist und wir immer nur in irgendwelchen Cafes oder Restaurants ins Netz können. Ich bin zusammen mit Lea und Niklas hier um einen Monat Famulatur im Spitalul Clinic Judetean de Urgenta zu machen.
Rumänien ist, obwohl wir es eigentlich erwartet hatten, doch überraschend anders. Es fängt bei kleinen Dingen wie dem Ausbau der Straßen an und geht bis in feine Unterschiede in gesellschaftlichen Vorstellungen. Frauendiskriminierung und ein starres Rollenbild sind an der Tagesordnung.
Wir sind in Studentenwohnheimen untegebracht, die sich ziemlich von den deutschen unterscheiden. In Leas und Niklas Wohnheim wohnt man in einem ca 20qm großen Zimmer mit angeschlossener Nasszelle zu vier Personen. Der Raum ist praktisch komplett mit den vier Betten zugestellt und das gesamte Hab und Gut wird irgendwie darum drapiert. Leider gibt es trotz diesem Leben auf kleinem Raum und dem Fehlen jeglicher Privatsphäre keine nennenswerten Aufenthaltsräume oder Gemeinschaftsküchen. In einem kleinen kabuffähnlichen Raum steht ein Gasherd und es gibt irgendwo zwei Waschmaschinen für mehr als 300 Mieter. Das führt dazu, dass die Studenten den ganzen Tag in ihren Zimmern rumhängen und diese dadurch zu kleinen stinkenden Höhlen werden.
Ich hatte Glück und bin in einem neueren Wohnheim in einem Einzelzimmer untergebracht. Das liegt aber auch nur daran, dass ich in einem Art Gästezimmer wohne. Die anderen Zimmer hier werden auch von vier Personen bewohnt. Leider liegt es etwas ausserhalb und ich muss jeden morgen 30 min bis zum Krankenhaus laufen.
Hermannstadt selbst ist sehr schön. Der Stadtkern, der anlässlich der Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2007 komplett renoviert wurde, erinnert an eine europäische Altstadt mit mittelalterlichen Gassen und verschnörkelten Gebäuden.
Im Krankenhaus wurden wir nett von einem perfekt deutsch sprechenden Professor empfangen, der uns dann auf unsere Stationen brachte. (Lea Anästhesie, Niklas Neurochirurgie und ich Allgemeine Chirurgie). Mein Chefarzt spricht ebenfalls deutsch und ist das Ebenbild eines Chirurgen-Urgesteins. Ansonsten kann man praktisch mit allen Ärzten entweder auf deutsch oder auf englisch kommunizieren und alle OP-Schwestern haben irgendwann mal in Deutschland als Altenpflegerin gearbeitet. Damit kommen wir auch zu dem Zustand des Krankenhauses.
Von außen sieht das Gebäude eigentlich nett aus, von innen ähnelt es aber eher einem Ost-Block Lazarett. Es liegen 5-10 Patienten auf einem Zimmer. Überall bröckelt der Mörtel herunter. Allerdings gibt es in jedem Zimmer einen Fernseher der funktioniert. (Übrigens auch in jedem Schwestern- oder Arztzimmer). Die Zustände sind vorkriegsmäßig. Wir bekommen davon aber relativ wenig mit, da wir praktisch die ganze Zeit im OP sind. Der ist aber auch nicht mit einem deutschen OP zu vergleichen. Das Wort "steril" existiert eigentlich nicht. Es wird einzig versucht den OP- und Instrumenten-Tisch halbwegs steril zu halten. Ansonsten laufen überall Leute ohne Maske und Haube herum, husten einmal über den Instrumententisch. Genäht wird nur mit Baumwollfäden in drei unterschiedlichen dicken mit wiederverwendbaren, von der Sterilisation total stumpf gewordenen Nadeln. Die Schnitte sind riesig und die ab- und zu auftretenden Laparoskopischen Versuche absolut abenteuerlich.
Dennoch merkt man, dass hier trotz den beschränken Mitteln viel möglich gemacht wird und das ist sehr beindruckend. Auch wenn wir schon eine Menge ziemlich krasser Sachen erlebt haben, hat man das Gefühl, dass den Leuten trotz der suboptimalen Versorgung doch irgendwie geholfen wird und das ganze etwas bringt. Da es sich um ein Uniklinikum handelt, laufen total viele Residents (Assistenzärzte) herum und wir können deswegen leider überhaupt nichts machen außer zugucken. Interessanterweise dürfen die rumänischen Medizinstudenten nichts invasives durchführen. Noch nicht mal Blut abnehmen. Dadurch bringt uns die Famulatur leider im medizinischen Sinne nicht sehr viel. Dafür sehen wir Krankheitsbilder, die wohl so bei uns nicht auftreten würden und erleben hautnah wie ein Gesundheitssystem in diesen Zuständen funktioniert.
Mittlerweile haben wir relativ viel Kontakt zu Medizinstudenten und waren deswegen am letzten Wochenende mit einer Gruppe aus dem 2. Studienjahr in einer Art Jugendherbege in Saliste, einem Kuhkaff etwa 45min mit dem Zug von Sibiu entfernt. Dort waren wir in der totalen Pampa und haben mit ca. 25 Medizinstudenten gefeiert, gespielt und gegessen. Dort auf dem Land ist es noch einmal ganz anders als in der Stadt. Es war eisig kalt und Schnee bedeckte die wunderschöne, raue Landschaft. Das Haus war unbeheizt und hatte nur kleine Kachelöfen in jedem Zimmer. (Das Wasser war nicht nur kalt, es war arschkalt)
Jetzt beginnt unsere zweite Woche in Rumänien und am nächsten Wochenende wollen wir uns vielleicht ein Auto mieten, nach Sibisoara fahren und uns den Geburtsort von Graf Dracula anschauen. In der darauf folgenden Woche werde ich dann wahrscheinlich zusammen mit ein paar rumänischen Studenten auf das Euregional Meeting der IFMSA in Veliko Tarnovo, Bulgarien fahren.

The Team

Pampa

Berge


Wir sind in eine Schafsherde geraten

Es ist bitterkalt

Die Männer müssen grillen

Unsere Unterkunft in der Pampa

Fußgängerzonen in Sibiu

Eingang zum chirurgischen Trakt

Der Neurochirurg mit Canabis-Haube und der Nase schön raushängen. (Verlegen eines Ventrikel-Shunts)

Martialische Werkzeuge

Sibiu von oben

Piata mica in Sibiu

Rippenspreizer













