Entschuldigung. Heute muss ich mich auf eine „Mainstreamdiskussion“ einlassen. Mir ist bewusst, dass mir unterstellt werden wird, dass ich mich an einem heißen, von den „alpha-Tieren“ der Blogosphäre initiierten Topthema beteilige, nur um Beachtung und Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber es handelt sich hierbei um ein Thema, dass mich wirklich ein wenig kitzelt. Und ja, für mich ist Spreeblick.de unter Mainstream einzuordnen. Wo auch sonst? Spreeblick soll ja schließlich der bekannteste deutsche Weblog sein und will es auch bleiben. Darum liest er sich wie ein kostenloses Stadtmagazin: Möglichst hippe Themen, nicht zu viel Tiefgang, schöne Bildchen, sich schön aus allem Kontroversen raus halten und alle schön lieb haben. Aber das macht ja auch Sinn, wenn Geld verdient werden soll. So passt es auch gut ins Bild, das Spreeblick nun mithilft das neue Schlagwort (nach "urbane Penner") von Mercedes Bunz zu etablieren. Ich würde fast so weit gehen Spreeblick nicht mehr als Blog zu bezeichnen, sondern als Werkzeug. Ich lese Spreeblick gerne, ich gebe es zu.
Ich weiß nicht, was Spreeblick aussagen will, wenn es sich dem Thema des „linken Neoliberalismus“ annimmt. Ich muss zudem zugeben, dass ich nicht ganz verstehe, wie „Malte“ von Spreeblick das Schlagwort verwurstet und plötzlich bei Freiheit und Bildung als Selbstzweck landet, aber ich war ja auch nicht bei dem Vortrag von Mercedes Bunz. Sie führte den Begriff in einem Vortrag auf dem Kongress „9till5 / Wir nennen es Arbeit“ in Berlin ein.
„Moment Mal?“, fragt ihr euch jetzt bestimmt sicher. „Linker Neoliberalismus, was soll das denn sein? Ist das nicht total gegensätzlich?“. Zunächst einmal wird „links“ meistens mit sozialer Gerechtigkeit in Form von Vermögensverteilung und Verstaatlichung assoziiert. Neoliberalismus hingegen versteht sich als ein Ordnungsprinzip, dass einen absoluten Rückzug der Politik aus der Wirtschaft, eine freie Marktwirtschaft und Wettbewerb predigt.
Jetzt aber zurück zu Malte und Mercedes Bunz. Beide verbinden „links“ mit Freiheit, Widerstand, Revolution. Malte schreibt, dass er „links“ unmittelbar mit „liberal“ verbindet und schließt von „Liberalismus“ auf „Freiheit“. Letzteres lässt sich von mir gut nachvollziehen, aber "links" mit "liberal"?
Mercedes Bunz schreibt:
Links, ich lade das jetzt mal kurz groß auf, denn das ist mir wichtig, bedeutet
viel mehr jede Menge Ideale, die irgendwo herumpurzeln, Ideale wie: Veränderung,
Widerstand, Utopie, Kritik, Gerechtigkeit, Freiheit, Klugheit, Revolution und vielleicht
sogar, warum nicht, Wahrheit.
Und da muss ich sagen: Das war mir neu. Ok, ich bin kein Politikwissenschaftler und bin auch zu jung um wirklichen linken Aktivismus erlebt zu haben. Aber für mich war „links“ nie mit besonderer Initiative verbunden, was nicht heißen soll, dass ich sie links Orientierten abspreche. Für mich schien es eher immer zufällig so, dass sich die engagierte Bildungselite mit linken Vorstellungen identifizierte, genauso wie für Tierschutz, Datenschutz und Freiheit. Aber besonders aufgefallen ist sie mir nicht. Wikipedia schreibt in dem Zusammenhang:
Die politische Linke versucht die herkömmliche, meist als reaktionär oder konservativ verstandene Politik, die am Rückschritt auf ehemalige (reaktionäre) oder Erhalt der bestehenden (konservativen) Staats- und Gesellschaftsstrukturen ausgerichtet ist, zu überwinden. Dem setzt sie eine progressive, das heißt als fortschrittlich verstandene Politik entgegen, die durch Reformen des Bestehenden, nicht selten auch durch revolutionäre Aktivitäten neue soziale, ökonomische und politische Verhältnisse zum Vorteil der eher unterprivilegierten Bevölkerungsschichten durchzusetzen versucht.
Im Grunde lässt sich Bunz' Herangehensweise verstehen und ist auch alles andere als falsch, aber dennoch finde ich sie irreführend und polarisierend. „Links“ kann einfach nicht auf seinen Aktivismus reduziert werden. Man kann sich den sozialen Aspekt nicht einfach weg denken.
Also geht es doch wirklich nur darum eine Floskel zu etablieren, zu provozieren. „Linker Neoliberalismus“ hört sich schön an und stößt zum nachdenken an. Danke.